Ein angelsächsischer „Hexenstichsegen“ – Heraus kleiner Speer…

Ein Zauberspruch aus der Zeit des Überganges von alten, paganen und animistischen Weltbildern hin zum christlichen Weltbild ist der angeslsächsische Hexenstichsegen.

Das Heilen, Zaubern, Austreiben und Extrahieren mit Sprüchen oder Worten hat eine lange Tradition in Europa. Einige dieser Sprüche sind uns schriftlich direkt überliefert, wie, unter Anderen,  der weiter unten vollständig wiedergegebene Spruch „Wið færstice“ .


Manche dieser überlieferten Spüche und Zauber sind mit Anleitungen versehen wie dabei weiter zu verfahren ist, z.B. den Pfeil an die betroffene Stelle halten und in den Wald schießen, darauf oder darüber pusten/blasen, im Feuer verbrennen etc..
Spannend dabei auch die Überschneidungen mit Vorstellungen von noch rezenten Schamanismen z.B. im Amazonas-Gebiet und der dortigen Vorstellung von krankmachenden „Geisterpfeilen“ die der Schamane entfernen, extrahieren, muss.
Schamanische Extraktion ist ein weites Feld. Sie kann nahezu weltweit beobachtet werden und kann auf vielerlei Weise erfolgen.

Im angelsächsichen „Hexenstichsegen“ wird die Krankheit oder das Leiden nicht als Wurm wie in den ebenfalls bekannten „Wurmsegen“ gedacht,  sondern als Pfeil oder Messer von übernatürlichen Wesen, wie Elfen, Hexen oder auch den Asen. Vielleicht spielt, was den Asenpfeil betrifft, auch der Mythos um Balder eine Rolle, der ja von einem (Asen)Pfeil aus Mistel niedergestreckt und getötet wird. Möglicherweise gibt es hier eine „Verwandtschaft“ von Mythos und Zauberspruch.

Am Hexenstichsegen ist vieles etwas unklar und entsprechend geheimnisvoll.

Welche Rolle spielen die Kräuter, Grose Brennessel und Mutterkraut, die gleich zu Beginn genannt werden und die in Butter „gekocht“ werden sollen?

„Gegen den plotzlichen Stich, Grose Brennessel und

Mutterkraut, das auf Hof und Grund wächst, in Butter kochen“

Die Brennessel ist seit jeher als wichtige Heilpflanze bekannt. Das Brennen und die Quaddeln die sie verursacht rühren von der Ameisensäure wird in der modernen Medizin als Antirheumatikum sowie zur Behandlung von vulgären Warzen eingesetzt. Sie wird als Desinfektionsmittel und zur Verhinderung der Ausbreitung von Tierseuchen eingesetzt.

Ein Sud der Brennessel wirkt gegen Pilzbefall bei Pflanzen, vertreibt Läuse und düngt.

Die Heilwirkungen der Brennessel sind vielfältigt sie wirkt: Entzündungshemmend, Ausleitend, harntreibend, blutbildend, schleim- und auswurffördernd, stoffwechselanregend, cholesterinsenkend und aktivierend für die Bauchsspeicheldrüse.

Sie galt aber auch im magischen Sinn als Schützend, als Schützerin für Hof und Heim aber auch als Dämonen und Zauberabwehrend.

Das zweite Kraut das benannt wird ist das Mutterkraut. Dieses hat Schmerzstillende, Fiebersenkende und Krampflösende Wirkung. Es löst die Menstruation und kann Wehen auslösen da es auf die Gebärmutter aktivierend wirkt, es darf daher nicht von Schwangeren angewendet werden.

Dem Mutterkraut wird ebenfalls eine Parasiten-Austreibende Wirkung nachgesagt und das es die Verdauung harmonisiert. Auch gegen Rheuma wurde es in der Vergangenheit verwendet oder bei der vorbeugenden Behandlung von Migräneanfällen.

Ein Auszug in Butter mag uns heute seltsam vorkommen, war aber für die damalige Zeit nicht gar so selten, da pflanzliche Öle im 10. Jahrhundert in Nordengland wohl eher schwer zu bekommen waren, Butter war wohl einfacher zu beschaffen wenn auch immer noch wertvoll.

So finden wir auch in den Rezepten von Hildegard von Bingen Salben aus Butter.

Zudem gelten Kühe als segensreiche Tiere, Milch und Butter als reine, stärkende und schützende Substanzen.

Jedoch, finden wir in dem Zauber keinerlei Anhaltspunkte das, der Butterauszug auf den Kranken aufgetragen wird, statt dessen scheint der Sud der Neutralisation des entfernten Messers oder Pfeiles und damit des Zaubers an sich zu dienen.

Auch erfahren wir nicht wie das im Spruch genannte „Messer“, das am Ende in „die Flüssigkeit“ – vermutlich die Butter-Kräuter-Mischung – gelegt wird,  genutzt wird.  Ist es ein „reales“ Messer? Oder ein magisches Messer? Wird hier möglicherweise eine regelrechte „Auraoperation“ durchgeführt, bei der mit einem magischen Messer, die ebenfalls magischen Pfeile entfernt und vertrieben werden?

„Saß ein Schmied fertigte ein Messer

Wenig Eisen grose Wunde“

und

„Jetzt nimm das Messer und gebe es in die Flüssigkeit.“

 

Während des Angriffes  bzw.  während der Austreibung des magischen Pfeiles, wird dazu aufgerufen sich angemessen zu schützen.

„Beschirme Dich jetzt

Du kannst den Kampf überleben

Heraus kleiner Speer

Wenn Du herrinnen bist

steh unter einem Linden-Schild

unter einem Licht Schild

Während diese mächtigen Frauen

ihre Kräfte aufstellen

Und sie kreischende Speere senden“

Es gibt also etwas, das uns vor weiterem Beschuss schützen kann, ein Schild aus Lindenholz, ein leuchtendes Schild.

Im Mittelalter galt die Linde als wichtiger Schutzbaum von Häusern und Dörfern oder auch als „Heiliger Holz“ da viele heiligen Figuren aus Linde geschnitzt wurden.

Wir können an dieser Stelle wohl davon ausgehen das dieses „Lindenschild“ ein eher magischer Gegenstand ist, der gegen die Zauberpfeile helfen soll. Die Linde galt als Baum Freyas oder Frīgs.  Sie wurde als lichter oder leuchtender Baum betrachtet, der Licht ins Dunkle brachte also Ilusionen und Lügen vertreiben konnte, weshalb auch Gerichtsverhandlungen unter der Linde abgehalten wurden. Und mit dieser Kraft sicherlich auch gegen die Pfeile und Angriffe aus der Anderswelt wirksam ist.  Außerdem galt die Linde als Schutzbaum vor Gewittern und und bösen Geistern, Blätter, Asche etc. wurde öfter zu Mitteln gegen Krankheit, Verhexung und Zauberei verarbeitet. Nicht zuletzt wegen der ihr zugeschriebenen Schutzwirkung pflanzte man die Linde gerne in Dörfer und Städte.

Interessant ist im Zusammenhang mit dem Spruch auch noch, die medizinische Wirkung der Linde, die ebenfals Fiebersenkend, krampflösend, entzündungswidrig, auswurffördernd und außerdem noch schweißtreibend wirkt.

Wir können in dem Spruch schön sehen wie dem Speer, immer wieder und immer nachdrücklicher befohlen wird herauszugehen. Zweimal heißt es: „Heraus kleiner Speer wenn Du herrinnen bist“ und beim dritten Mal noch etwas nachdrücklicher: „Heraus Speer, sei nicht drin Speer!“.

Überhaupt hat der ganze Spruch einen sehr bestimmten Ton, mit Nachdruck wird der Speer heraus befohlen und mit eben soviel Nachdruck wird die Heilkraft des eigenen Tuns beschworen.

In diesem Spruch wird verschiedenes deutlich. Er muss mit Überzeugung und Autorität gesprochen und befohlen werden. Der handelnde Besprecher ist sehr bestimmt. Außerdem handelt er nicht ganz alleine und aus seiner Kraft sondern erbittet noch den Segen der Götter und löst den Fluch dann in einem Kräuter-Fett Gemisch auf.

 

 

 

 

Wið færstice – Gegen plötzlichen Schuss oder Stich

aus dem Lacnunga

Wið færstice feferfuige and seo reade netele, ðe þurh
ærn inwyxð, and wegbrade;
wyll in buteran.
 
Hlūde wæran hy ̄lā hlūde
ðā hy ofer þone hlæw ridan
wæran ānmōde
ðā hy ofer land ridan
scyld ðū ðē nū
þū ðysne nīð genesan mōte
ūt lytel spere
gif hēr inne sīe
stōd under linde
under lēohtum scylde
þær ðā mihtigan wīf
hyra mægen beræddon
hy ̄ gyllende gāras sændan
ic him ōderne eft wille sandan
flēogende flāne forane tōgēanes
ūt ly tel spere gif hit hēr inne sy
Sat smid, sloh seax lytel,
iserna, wundrum swide.
ūt ly tel spere
gif hēr inne sy
syx smidas satan
walspera worhtan
ūt spere nas in spere
Gif her inne sy isernes dal,
hagtessan geweorc, hit sceal gemyltan.
Gif du ware on fell scoten
odde ware on flasc scoten
odde ware on blod scoten
odde ware on lid scoten,
nafre ne sy din lif atased
gif hit ware esa gescot
odde hit ware ylfa gescot
odde hit ware hagtessan gescot,
nu ic wille din helpan.
This de to bote esa gescotes,
dis de to bote ylfa gescotes,
dis de to bote hagtessan gescotes;
ic din wille helpan.
Fleoh tar on fyrgenheafde.
Hal westu,
helpe din drihten!
 
Nim tonne tat seax, ado on watan.

Wið færstice – Gegen plötzlichen Schuss oder Stich

aus dem Lacnunga – Übersetzung

Gegen den plotzlichen Stich, Grose Brennessel und
Mutterkraut, das auf Hof und Grund wächst, in Butter kochen
 
Sie waren laut, ja laut
als sie über den (Grab)Hügel ritten.
Sie waren grimmig
als sie über das Land ritten
Beschirme Dich jetzt
Du kannst den Kampf uberleben
Heraus kleiner Speer
Wenn Du herrinnen bist
steh unter einem Linden-Schild
unter einem Licht Schild
Während diese mächtigen Frauen
ihre Kräfte aufstellen
Und sie kreischende Speere senden
Ich sende einen weiteren zurück
Einen fliegenden Pfeil vorwärts entgegen
Heraus kleiner Speer, wenn Du herrinnen bist
Saß ein Schmied fertigte ein Messer
Wenig Eisen grose Wunde
Heraus kleiner Speer
Wenn Du herrinnen bist
Sechs Schmiede saßen
Wirkten Walspeere (Wal – Schlachtfeld)
Heraus Speer, sei nicht drin Speer!
Sollte Eisen hier drin sein,
Hexenwerk, es soll schmelzen
Wenn Du in die Haut geschossen
oder ins Fleisch geschossen
Oder ins Blut geschossen
Oder ins Glied geschossen
Möge Dein Leben nie zerrissen werden
Seien es Schüsse der Asen,
Schüsse der Elfen
Schüsse der Hexen
Jetzt werde ich Dir helfen
Dies ist Dein Heilmittel gegen Asenschuss
Dies ist Dein Heilmittelgegen Elfenschuss
Dies ist Dein Heilmittel gegen Hexenschuss
Ich werde Dir helfen
Es floh in die Berge Keine Ruhe hatte es
Sei jetzt geheilt!
Möge der Herr Dir helfen! (Mögen die Götter Dir
helfen)
Jetzt nimm das Messer und gebe es in die Flüssigkeit.
Dieser Beitrag wurde unter schamanische Praxis, Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.