Was ist Schamanismus?

Schamanismus ist keine einheitliche Religion, sondern eine kulturübergreifende Form religiöser Wahrnehmung und Praxis.“

-Piers Vitebsky-1

Eines vorweg – es gibt ihn nicht, DEN einen Schamanismus. Statt dessen gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichsten Schamanismen.

Verschiedenste schamanische Wege durch zahlreiche Zeiten und Räume hindurch. Gemeinsam sind diesen Schamanismen der Welt: der veränderte Bewusstseinszustand.

In diesem besuchen Schamanen oder schamanisch Praktizierende, für das normale Bewusstsein unsichtbare Welten.

Dort kommunizieren sie mit Geistern. Sie werden von diesen ausgewählt, unterstützt und darin unterwiesen Segen, Hilfe, Kraft und Heilung für Einzelne, die Gemeinschaft, die Welt oder einfach nur für sich selbst mitzubringen.

Dazu auch Mircea Eliade2 :

Schamanismus = Technik der Ekstase [, bei der die] Seele den Körper [des Schamanen] zu Himmels- und Unterweltfahrten verlässt.“

und

Schamanen sind Menschen, die sich mit Hilfe von Ekstasetechniken auf transzendenten Wegen in metaphysische Regionen begeben, um dort für ihr gesellschaftliches Umfeld bestimmte nützliche Ziele zu erreichen.” 2

Zur Etymologie3 der Begriffe „Schamane“ und „Schamanismus“

Der Begriff Schamane ist ein Lehnwort aus dem Ewenkischen4 und leitet sich vom evenkischen Wort šaman her.5

Die Etymologie des ewenkischen Begriffes selbst ist jedoch umstritten und es existieren verschiedene Theorien:

šaman wird u.a. übersetzt mit: Jemand, der erregt, bewegt, erhoben ist; um sich schlagen; verrückt; verbrennen.

Auch die Übersetzung mit der Erhitzte erfreut sich einiger Beliebtheit u.a. auch weil viele Schamanen von starken, inneren Hitzegefühlen während der Praxis berichten.

Aus der mittelindischen Sprache Pali stammt das Wort śamana, was soviel wie Asket oder auch Bettelmönch bedeutet.

Eine andere mögliche Herleitung wäre auch vom Verb sa – wissen, denken, begreifen. Dann wäre Schamane gleichbedeutend mit Wissender.

Schamanismus wird häufig als die älteste, nachweisliche Form religiösen Denkens beim Menschen bezeichnet.

Das im 17. Jhd. aus dem ewenkischen eingedeutschte Wort Schamane erweitert sich in seiner spezifischen, auf die sibirischen Schamanen begrenzten Bedeutung, etwa Mitte des 20. Jahrhunderts, zu einem wesentlich allgemeinereren Begriff von Schamanismus. Es beschreibt nun ein weltweit und seit der Vorgeschichte auftretendes Phänomen.

Hier gilt insbesondere der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade als Pionier der Begriffsweitung von „Schamanismus“.

Dieser Begriff bezieht sich nun nicht mehr auf eine bestimmte, regional auftretende Kultur, sondern auf ein religionswissenschaftliches Phänomen das man überall auf der Welt zu entdecken meinte.

Es ist daher ein für die Religionswissenschaft und Religionsgeschichte geschaffener Oberbegriff. Dieser bezeichnet keine einheitliche Religion oder Ideologie sondern ein in unterschiedlichen Kulturen zu beobachtendes Phänomen, das sich durch Ekstase, Beseeltheit der Welt, Geisterkontakte etc. auszeichnet.

Da sich die konkreten Konzepte und Kosmologien je nach Region und Zeit schon sehr unterscheiden können, ist es vorzuziehen von Schamanismen zu sprechen statt von dem einen Schamanismus.

Unter Schamanen wiederum werden diejenigen verstanden, die in ihren jeweiligen Gruppen (Sippe, Familie, Stamm etc.) den Schamanismus aktiv praktizieren. Das heißt Trance, Seelenflug, Kontakt mit Geistern, Heilungen, Jenseitsreise, Riten etc. und von den ihren (Geistern wie Menschen) auch als Schamanen anerkannt werden. Die Rolle des Schamanen/der Schamanin wird nicht immer freiwillig gewählt und gilt ob der großen Hingabe und Verantwortung die vom Schamanen erwartet werden, in manchen indigenen Kulturen als große Last. In einigen anderen indigenen, schamanischen Kulturen wiederum schlüpft etwa die Hälfte oder auch noch mehr der Bevölkerung regelmäßig in die Rolle des Schamanen.

Die ewenkischen Schamanen, auch wenn sich der Begriff vom ewenkischen ableitet, sind nicht der einheitliche Ursprung oder das Urbild des Schamanen oder des Schamanismus.

Der Schamanismus der Aborigines ist z.B. weit älter. Aber die sibirischen Schamanismen sind für die Schamanismus-Forschung von besonderer Bedeutung, da sich hier die grundlegenden Phänomene (Seelenflug, Geister, Trance, Heilungen, Jenseitsreise, Riten etc.) besonders eindeutig beobachten lassen.

In den meisten indigenen Schamanismen gibt es sowohl männliche als auch weibliche Schamanen.

Genauso unterschiedlich wie die einzelnen Schamanismen, sind auch die regionalen Bezeichnungen für Schamanen.

So heißen die samischen Schamanen Noaide, die koreanischen Mudang, die der Inuit Angakok oder Angagkok usw.. Jede Region und Kultur hat ihre eigenen Bezeichnungen für ihr schamanisches Fachpersonal.

Andere Begriffe wie Medizinmann/Frau, Geisterbeschwörer*in, Hexe, Zauberer usw. lassen sich nicht scharf vom Begriff des Schamanen abgrenzen.

https://www.tunritha.de/

1Vitebsky, Piers: Schamanismus. Reisen der Seele, Magische Kräfte, Ekstase und Heilung, veränd. Neuaufl. (21. Mai 2007) , TASCHEN GmbH

2Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Suhrkamp; Auflage: 1. (2006)

3Etymologie: Wissenschaft von der Herkunft, Entwicklung und Geschichte der Wörter und ihrer Bedeutungen

4Die Ewenken (auch: Evenki; alte Bezeichnung: Tungusen) sind ein aus zahlreichen regionalen Gruppen und Clans bestehendes indigenes Volk. Ewenkische Gruppen leben über ein Gebiet verstreut, das größer ist als Europa. Außer in der Mehrheit der Regionen Sibiriens gibt es Ewenken in der Mongolei und in der Volksrepublik China (Rentier-Ewenken, Solonen, Bargu-Ewenken). Aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Ewenken

5M. Eliade: Schamanismus und schamanische Ekstasetechnik. Frankfurt am Main 2001, S. 457 ff

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